Gastbeitrag von Thomas Jonitz: Von der Kommerzialisierung einer Idee

Dieser Artikel ist ein Facebook-Notiz von Thomas Jonitz – das Original ist unter https://www.facebook.com/notes/thomas-jonitz/how-to-use-facebook-5/10150233182754682?notif_t=note_tag zu sehen. Besuchen Sie auch seine Twitter-Seite unter http://twitter.com/#!/holpergeist

 

“Und wir brauchen noch ‘ne Facebook-Page!”, waren die Worte, die den Anstubser gaben, das hier zu schreiben. Inspiriert jedenfalls ist es von Józek Wurmus [1] und seinem AudioBoo “Jozze Kritisiert: Präsenzzwang in sozialen Medien” [2]. Demnächst soll dazu auch ein etwas ausführlicher Blogpost folgen. Der Kommentar von Christian Kresse [2;3] regte eine Diskussion an, der ich mich an dieser Stelle anschließen möchte.

 

Eine Facebook-Page dient der Publikation von Informationen an eine bestimmte Interessengruppe. Eine Band stellt ihre neuesten Tracks vor, ein Lebensmitteldiscounter aktuelle Angebote oder Politiker öffentlichkeits- und vorallem medienwirksame Auftritte. Dieser gesamte Informationskanal bietet nicht nur eine Plattform der freien Meinungsäußerungen (wie es oft propagiert wird), sondern auch ein enormes Potential der Kommerzialisierung.

 

Einzeln betrachtet sind die Facebook-Pages also ein hervorragendes Medium, um in der größten Community kleine Sub-Communities zu bilden. Die “Abonements” filtern die für den Nutzer relevanten Daten aus dem Überangebot an Informationen. Die “Werbung” muss also nicht durch aufwändige Algorithmen personalisiert werden, sondern wird vom Nutzer mitgestaltet. (vgl. u.a. “Das Netz lebt!” [4]).

 

Fragwürdig wird der Social-Media-Hype erst dort, wo eine Überdimensionierung stattfindet. Sprich: dort, wo zu einer Facebook-Page noch eine StudiVZ/MeinVZ-Gruppe, ein Twitter-Account, etc. hinzukommt. Und besonders Fragwürdig wird das Social-Media-Konzept dort, wo versucht wird, einem Trend zu folgen, dem man nicht folgen sollte. Wenn organisationen ihren Interessentenkreis noch weiter unterteilen und jedem “Produkt” eine Facebook-Page widmen.

 

Auch auf die Gefahr hin, in starker Kritik zu versickern (öffentliche Bloßstellung und so …), möchte ich zwei Beispiele nennen:

  1. Juso-Landesverband MV: Likes: 102 | Postingverhalten: ca. 2x / Woche — Die Jusos sind die Jugendorganisation der SPD und quasi das “Linke Gewissen” ihrer Partei. Sie setzen sich für faire Arbeit, gute Löhne, bessere Soziale Bedingungen, eine ökologische Nachhaltigkeitspolitik ein und bekämpfen faschistisches Gedankengut. Also Dinge, die durchaus unterstützenswert sind. Nur gestaltet sich der Sachverhalt wie folgt: Der Landesverband besitzt zudem eine StudiVZ-Gruppe und einen Twitter-Account. Soweit nicht weiter tragisch, denn so kann auf vielen Kan älen kommuniziert wird. Problematisch wird es erst an der Stelle, dass jeder Kreisverband ebenfalls eine extra FB-Page, sowie einen Twitter- und eine StudiVZ-Gruppe hat, bzw. diese plant demnächst einzuführen. Hinzu kommt, dass nahezu jede andere Organisatorische Gliederung diese Attribute besitzt. Am vergangenen Wochenende wurde es angeregt, eine Facebook-Seite für die “Schülis” zu erstellen (Siehe einleitendes Zitat). Das ist zuviel! Es existieren gar nicht so viele Informationen der ÖA, wie es Plattformen für deren Publikation gibt. Die Informationskanäle ändern sich nicht. Daher erzielt man einen gegenteiligen Effekt: nämlich nicht das einfache Verbreiten von Informationen, sondern das erschwerte Verbreiten bzw. unvollständige Verbreiten von Informationen. Bei 102 Personen im gesamten Landesverband (Like-Zahl*) ist es fragwürdig, ob es für diesen “elitären” Kreis nötig ist, jede einzelne Sub-Community durch einen hohen Arbeits- bzw. Personalaufwand zu Pflegen. Niemand erwartet von einem Gemüsehändler, dass jedes seiner Regale stündlich die vorhandene Stückzahl über die Timeline getwittert wird.
  2. 3sat neues: Likes: 5446 | Postingverhalten: ca. 2x / Woche (Gegenbeispiel) — 3sat neues ist ein Fernsehformat, dass über aktuelle Trends, Entwicklungen und Einflüsse im IT-Bereich informiert. Die Sendung wird es bald aber (leider!!!) nicht mehr geben. Mit einer großen Zahl an Fans werden regelmäßig Informationen weitergegeben, was die Sendung betrifft. Den Nutzern der Page ist es möglich mit der Redaktion zu kommunizieren und damit (mehr oder weniger) Einfluss auf das Programm zu nehmen. Es findet eine breite Nutzerbeteiligung statt (vgl. mal wieder u.a. “Das Netz Lebt!” [4]). Eine weiter Aufspaltung in Themenbereiche findet nicht statt und ist nicht notwendig.

Am Beispiel der Jusos MV sehen wir einen Trend, der sich durch die gesamte Wirtschaft zieht. Faktisch gesehen machen sie nichts Falsches, was den Zweck einer FB-Page angeht! Dennoch: Ein regelrechter Social-Media-Hype, der die Menschen dazu zwingt, sich ihm anzuschließen. Und das meist, ohne sich Gedanken über ein Kozept zu machen. Wer soll das alles administrieren, pflegen? Wieviele Informationen werden überhaupt abgegeben? Für wen sind die Informationen relevant? Stattdessen arbeitet man nach dem Prinzip: Das machen andere auch, wenn wir im Trend bleiben wollen, dann brauchen wir das. Erstmal haben und dann sehen, was man damit macht. Wir sprechen hier von einer Form des digitalen Kapitalismus**, der uns ungewollt in einen Wettbewerb treibt.

 

These 1: Ein überdimensioniertes und stück-für-stück wachsendes ÖA-Konzept, bei dem der Schwerpunkt auf soziale Netzwerke liegt ist nutzerhemmend und eher kontraproduktiv.

 

Das Problem ist aber nicht nur die Nutzung tausender Kanäle, um eine Information***  zu verbreiten, sondern auch noch die Ignoranz einzelner User den Pages gegenüber. So kommt es vermehrt vor, dass Personenprofile (warum auch immer) als GruppenProfile angelegt werden. So zum Beispiel der Mensakeller Wismar oder auch der Block17 (um lokal zu bleiben). Eine Kneipe und eine Diskothek in normale Nutzerprofile zu zwängen bringt keine Vorteile. Die Pages wurden extra dafür entwickelt. Und das von Leuten (und das könnt ihr mir glauben) die davon Ahnung haben und wussten, was sie tun. Um ein Abo zu erhalten, muss man beispielsweise erst die “Freundschaft beantragen”, was sonst durch ein Klick auf “Like” getan wäre. Ebenso steht FacebookInsights**** nicht zur Verfügung, was wichtiges Feedback liefert.

 

These 2: Wer Pages will, muss Pages machen! Die ÖA einer Organisation über ein standart Nutzerprofil abzuwickeln blockiert den Informationsfluss, da relevante Funktionalitäten auf diesen Profilen nicht existieren und damit Ressourcen (folglich auch Kapital) ungenutzt auf der Strecke bleibt.

 

These 3:***** Wir brauche keine Mitläufer, die sich dem Hype beugen, sondern Mitdenker und -gestalter, die eine Idee haben und vorhandene Kanäle und Medien effizient und kreativ nutzen, denn das macht den Erfolg der ÖA aus. Nicht das bloße erstellen eine Facebook-Page.

 

 

Fragen, Wünsche, Anregungen und Kritik bitte in die Kommentare.

 

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* Fragwürdig ist zudem, ob alle diese Personen aus Mecklenburg-Vorpommern stammen

** so, oder so ähnlich

*** die technisch gesehen sogar mit allen Kanälen automatisiert verknüpft werden kann

**** Statistiken zum Nutzerverhalten

***** Eine mir besonders wichtige These!

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[1] http://www.facebook.com/Jozzewu

[2] http://audioboo.fm/boos/389157-jozze-kritisiert-prasenzzwang-in-sozialen-medien

[3] http://audioboo.fm/baritone

[4] https://joindiaspora.com/status_messages/312577

 

 

PS.: Zur Feier des 5. HTUFB ist dieser Post öffentlich und zur Weiterverbreitung geeignet. Der Text steht unter (CC) BY-NC-SA

 

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