Eine Polemik: Zieht den Stock aus dem Opern-Hintern!

Rheintöchter
 
Gegen die verstockte Kulturlandschaft Deutschlands

Wer in Deutschland Ernste Kultur genießt, dem klebt das Vorurteil an, einen „Stock im Hintern“ zu haben. Schaut man sich heutzutage in der Oper, oder in Festivals der neuen Musik um, könnte man durchaus sich dazu hingerissen fühlen, dass dem so sei. Einerseits mag dem wirklich so sein, dass das heutige Publikum sehr verstockt und todernst daherkommt – allerdings ist es andereseits auch komplett desinteressiert. Es interessiert sich noch nichteinmal dafür, gesehen zu werden. Es ist wie Fernsehen. Nur anstrengender und ernster. Wieviel Aufschrei gibt es noch in Konzertsälen, in Opernhäusern? Vielleicht werden die Storys von früher etwas überhitzt dargestellt, jedenfalls lebte früher mehr als heute.

Die Kunst verkommt immer mehr zu einem Nischenprodukt, in dem sie die Spielregeln des 19. und mittleren 20. Jahrhunderts für das Publikum beibehält. Aber das Menschenbild hat sich geändert, die Bühne lebt es partiell schon vor, die Regisseure lieben das Leben. Aber das Theater? Und das Publikum?

Warum schaffen es Musiker und Unterhalter wie Bodo Wartke, oder David Garett riesige Säle zu füllen? Ihre Musik ist fachlich gesehen auf einem sehr hohen Niveau, sie spielen sogar Musik früherer Zeit.  Ihre Konzerte zeichnet aus, dass sie durch ihre Freizügigkeit, Offenheit und Ungezwungenheit einen lockeren Charme versprühen. Und auch sie machen hohe Kunst! Das Publikum kann sich zurücklehnen und entspannen, es horcht nicht auf jeden kleinsten falschen Ton, oder ein nicht gänzlich sauber gespieltes Intervall. Es lässt sich einfach von der Musik treiben und genießt das Gesamtkunstwerk. Genauso, wie es die früheren Musikgenießer bei einem Händel auch getan haben.

 

Zieht endlich den Stock raus! Popcorn in der Oper!

 

Disneys „Fantasia“ lebt die Freiheit des Kultur-Genusses vor: Es eröffnet Farben, neue Welten, hebt sich schon allein vom Ort der Präsentation ab von der Masse. Es schaut sich einfach auf der Couch mit einem Glas Martini oder Bier entspannter als in einem trockenen Konzertsaal, bei dem ein Rascheln mit dem Programm vom gesamten Publikum mit einem bösen Blick geahndet wird.

Wer schon einmal die Live-Übertragungen auf dem Bebel-Platz in Berlin, oder neben der Münchner, oder Wiener Staatsoper miterlebt hat, der wird dieses Gefühl im Saal vermissen und sich wünschen, er würde draußen schauen. Die Übertragung auf dem Platz bietet die Freiheit, sich hinzulegen, etwas zu essen, zu trinken, sich vielleicht auch mal leise mit dem Nachbarn zu unterhalten (erstaunlicherweise reden sehr wenige und wenn dann sehr leise mit dem Nachbarn). Man kommt in Alltags-Kleidung daher und genießt einfach. So, wie es einem am liebsten ist.

Dem Genuss von Kultur ist das Biedere entzogen und gegen Freiheit ausgetauscht worden. Dabei bleibt die Gewissenhaftigkeit, nur weicht die Ernsthaftigkeit der Freude im Gesichtsausdruck.

Die Säle müssen sich wandeln. Her mit den Kino-Sitzen und den XXL-Popcornmenüs, wahlweise mit Cola, oder gleich Champagner. Her mit den Lichttechnikern und -designern, denen es gefällt, jeden neuen Satz in ein anderes Licht zu rücken, her mit den Dirigenten, die auch gern mal zwischen den Stücken etwas sagen! Her mit dem Publikum, das wieder Spaß an Musik und Theater hat und mitlebt! Und zur Not auch her mit dem 10-Minuten-Reklame-Film vor der Aufführung!

 

Mozart ist genauso Unterhaltung wie Peter Fox

 

Die Musik der großen früheren Komponisten ist keine Musik des Zwangs – sondern eine der Freiheit. DIe Musik spricht davon, die Philosophie hinter der Musik lebt es vor. Keine Musik ist in ein Korsett zu zwingen. Das was als Musiktheorie lehrbar zu machen versucht wird ist wie die Physik eine beschreibende Theorie. Erst war die Musik, dann die Theorie. Als ob Mozart je was von Sonatenhauptsatzform gehört hätte. Er hatte ein Gefühl, ein esspressives Moment. Er hat nicht gesagt: „Ich habe zu schreiben“, sondern „Ich will das jetzt ausdrücken“. Jeden großen Komponisten zeichnet aus, dass er sich gerade die Freiheit nimmt, Regeln zu brechen, Grenzen zu überschreiten. Wenn Schumann genauso geschrieben hätte, wie es die Regeln sagen – er wäre nie zu einer Berühmtheit geworden!

Wäre Mozart in unserer heutigen Zeit lebendig, er würde den Opernsaal verabscheuen und das Publikum auslachen.

Das Publikum raubt sich selbst all seiner Genuss-Möglichkeiten durch diese stocksteife, vollkommen unnatürliche Herangehensweise an die Musik. Es darf sie leben. Und zum Leben gehört Freiheit und Bewegung, aber auch das Ausdrücken der eigenen Meinung (in Wahrheit geht doch jeder nur in die Premiere um hoffentlich einen türknallenden Widersacher der Operninszenierung zu sehen).

2 thoughts on “Eine Polemik: Zieht den Stock aus dem Opern-Hintern!”

  1. Vielleicht liegt es aber auch daran, dass die einflussreicheren Opernbesucher sich besser fühlen wollen, wenn sie die Oper besuchen. Zumindest besser als der Straßenpöbel mit seiner XXL-Cola^^

    1. Nun wird nicht jeder der will, gleich zu dem der kann. Und ich unterstelle der Mehrheit der Einflussreicheren, dass sie nicht wesentlich mehr von der Oper verstehen, als der gemeine Pöbel (obgleich ich Gegenteiliges hoffe).

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